Mehr Erfolg beim zweiten Anlauf?

 

Überherrn hat ein Radverkehrskonzept! – Wir haben nachgefragt.

 

Hermann Manfredini und Marcel Scherf von der ADFC-Geschäftsstelle Saarlouis haben mit Gerhard Fischer gesprochen.


Der hat das Konzept mit Unterstützung eines Expertenteams erstellt. Schon 1994 wurde die Gemeinde Überherrn mehrfach für ein Verkehrskonzept ausgezeichnet, das von Fischer gemeinsam mit VCD und ADFC erarbeitet wurde.

Rudi Fries, langjähriges ADFC Mitglied aus Überherrn, weist darauf hin, dass Überherrn im ADFC Klimatest 2018 sehr schlecht abgeschnitten hat. Ferner bemängelt er, dass in der Gemeinde vorhandene Radwege teilweise unzulänglich beschildert sind und vorhandene Piktogramme erneuert werden müssten. Zudem sollte der Pfostenwald am Rathauskreisel dringend gelichtet werden, da diese Pfosten zum Teil eine permanente Gefahr für den Radverkehr darstellen. 

Manfredini: Herr Fischer, der Gedanke einer nachhaltigen Verkehrsgestaltung ist in Überherrn nicht neu?

Fischer: Stimmt. Schon in den 1990er Jahren hatte man in Überherrn den Anspruch Verkehr (v)erträglicher bzw. „nachhaltig(er)“ zu gestalten. Entschleunigung durch Tempo-30-Zonen, Kreisverkehre, Förderung des Radverkehrs, ein Modellversuch mit Mehrzweckstreifen (dem heutigen Angebots- oder Schutzstreifen), der Ausbau nutzerfreundlicher Bushaltestellen und Verbesserungen für den fußläufigen Verkehr. Der damalige Umweltminister Jo Leinen hatte es als ein „mutiges Konzept“ bezeichnet. Und in der Tat, mit den Themen dieses integrierten Verkehrskonzeptes lassen sich auch die Ziele der heute diskutierten Verkehrswende beschreiben. Es ist die gleiche Agenda!

Scherf: Was ist eigentlich daraus geworden?

Fischer: Vieles davon wurde damals und in den Folgejahren umgesetzt. Doch „fahrradfreundlich“ ist Überherrn nicht geworden. Zu groß war das Gefühl der Unsicherheit, das durch die LKW-Lawine (rund 1000 LKW täglich) erzeugt wurde. Der Modellversuch wurde zurückgeführt, der Mehrzweckstreifen in der Ortsdurchfahrt Überherrn wieder demarkiert.

Manfredini: Und wie schätzen Sie die Situation heute ein?

Fischer: Die Rahmenbedingungen für nachhaltige Veränderungen im Verkehrsraum sind besser denn je. Die Verkehrsbelastung, insbesondere der LKW-Verkehr, in den Ortsdurchfahrten Altforweiler, Bisten und Überherrn ist nach dem Bau der B 269neu deutlich geringer geworden. In Politik und Gesellschaft ist das Ansehen des Fahrrades als Verkehrsmittel enorm gestiegen. E-Bikes bieten RadlerInnen allen Alters einen hohen Komfort. Und für praktisch alle radverkehrsfördernden Maßnahmen stehen Unterstützungsgelder von Bund und Land bereit. Das neue Konzept ermöglicht der Gemeinde den Zugang zu solchen Mitteln (allein im Landeshaushalt stehen über 8 Millionen Euro bereit).

Scherf: Hat man denn aus der Vergangenheit gelernt?

Fischer: Ja, wir haben dieses Mal versucht die BürgerInnen mitzunehmen. Coronabedingt war dies nur über eine Umfrage (über das Nachrichtenblatt und auch digital) möglich. Die Resonanz war toll. Über 400 Bewohner haben sich beteiligt. Es konnten 1500 Einzelangaben durch die HTW Saar ausgewertet werden. Ein 7-köpfiges Expertenteam, darunter auch Mitglieder des ADFC, alle ortskundig und mit Fahrradpraxis, hat schließlich die Vorschläge entwickelt. Auch die Ortsräte wurden gehört und hatten Gelegenheit Anregungen zu geben. Somit wurde sehr viel eigenes Potential eingebracht.

Manfredini:Und die Fachkompetenz?

Fischer: Viele Punkte, insbesondere gravierende Veränderungen, wurden frühzeitig mit der Verkehrsbehörde beim Landkreis Saarlouis, dem Landesbetrieb für Straßenbau, der Ortspolizeibehörde und der Polizei besprochen. Somit sind die Vorschläge grundsätzlich realisierbar oder werden noch geprüft.

Die meisten Veränderungen betreffen schließlich Landstraßen und werden dann (hoffentlich) auch umgesetzt. Diese Gewichtung entspricht übrigens auch dem Ergebnis der Umfrage.

Scherf: Was sind denn die dicksten Brocken? Gibt es Knackpunkte?

Fischer: Am Ortseingang von Überherrn im Einmündungsbereich der Straße Langwies soll ein Kreisverkehr entstehen. Damit lassen sich die (geplanten) Radwegeverbindungen wunderbar vernetzen. Querungserleichterungen für Fußgänger können geschaffen werden. Die Eintrittsgeschwindigkeit der Kfz, die in den Ort fahren, wird reduziert und die durch die aktuelle Verkehrsregelung erzwungenen Umwege entfallen. Letztlich besteht sogar die Chance, dieses Entrée zu gestalten.

Die Alleestraße wird komplett überplant. Hier hat der Landesbetrieb für Straßen (LfS) verschiedene Alternativen aufgezeigt, die in Kürze in den gemeindlichen Gremien beraten werden. Das Expertenteam hat hierzu einen Vorschlag gemacht.

Bei der Netzbildung wird man in den Ortsdurchfahrten meist auf die sogen. Angebots- oder Schutzstreifen zurückgreifen. Daraus ergeben sich Parkverbote für die Kraftfahrzeuge. Da ergibt sich einiges an Konfliktpotenzial.

Manfredini: Wann soll es denn losgehen? Mit welcher Maßnahme wird angefangen?

Fischer: Für die Ortsdurchfahrt Felsberg (B 405/269) plant der Landesbetrieb für Straßen derzeit Querungshilfen im Bereich der Bushaltestellen und die Anlegung von Schutzstreifen (evtl. sogar Radfahrstreifen). Die Pläne bedürfen der verkehrsrechtlichen Anordnung. Dann – also voraussichtlich im Frühjahr, wenn die Witterung passt - kann begonnen werden.

Eine Korrektur des Saarland-Radweges ist in der Gemarkung Berus geplant. Sie wird von der Gemeinde in Absprache mit dem LfS vorgenommen. Hierfür laufen die Ausschreibungen.

Ausschreibungen der Gemeindeverwaltung laufen inzwischen auch zum geplanten Linie-9-Radweg, der als touristischer Radweg von Überherrn über Felsberg nach Saarlouis geführt wird und auch ein Angebot für alltägliche Fahrten bildet.

Diese drei Maßnahmen stehen auf der Umsetzungsliste ganz oben.

Scherf: Wie schätzen Sie die Chancen für die Umsetzung des Gesamtkonzeptes ein?

Fischer: Wie schon gesagt stimmen momentan die Rahmenbedingungen. Zu beachten ist allerdings, dass die Fördergelder in den kommenden Jahren 2022 und 2023 abzurufen sind. Dadurch besteht natürlich der Druck möglichst viel in diesen zwei Jahren anzugehen bzw. zu erledigen.

Anmerken will ich noch, dass einige gestalterische Maßnahmen im Fahrbahnbereich angedacht sind. Durch Flächenentsiegelungen mit Begrünungsmaßnahmen gewinnt das Ortsbild und das Kleinklima. Wenn sich damit die Aufenthaltsqualität in der Gemeinde verbessert ist auch etwas für den nichtmotorisierten Verkehr getan. Ich hoffe, diese Vorschläge fallen nicht unter den Tisch.

 


Im Fahrradklimatest 2018 hat Überherrn mit der Note 4,2 unterdurchschnittlich schlecht abgeschnitten. Überherrn belegte den Rangplatz 155 von 186 in seiner Stadtgrößenklasse.

 

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https://saarland.adfc.de/artikel/mehr-erfolg-beim-zweiten-anlauf

Häufige Fragen von Alltagsfahrer*innen

  • Was macht der ADFC?

    Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club e.V. (ADFC) ist mit bundesweit mehr als 190.000 Mitgliedern, die größte Interessenvertretung der Radfahrerinnen und Radfahrer in Deutschland und weltweit. Politisch engagiert sich der ADFC auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene für die konsequente Förderung des Radverkehrs. Er berät in allen Fragen rund ums Fahrrad: Recht, Technik, Tourismus.

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  • Was bringt mir eine ADFC-Mitgliedschaft?

    Radfahren muss sicherer und komfortabler werden. Wir nehmen dafür – auch Dank Ihrer Mitgliedschaft – nicht nur Einfluß auf Bundestagsabgeordnete, sondern setzen uns auf Landes- und Kommunalebene für die Interessen von Radfahrern ein. Für Sie hat die ADFC Mitgliedskarte aber nicht nur den Vorteil, dass wir uns für einen sicheren und komfortablen Radverkehr einsetzen: Sie können egal, wo Sie mit Ihrem Fahrrad unterwegs sind, deutschlandweit auf die AFDC-Pannenhilfe zählen. Außerdem erhalten Sie mit unserem zweimonatlich erscheinenden ADFC-Magazin Information rund um alles, was Sie als Radfahrer politisch, technisch und im Alltag bewegt. Zählen können ADFC-Mitglieder außerdem auf besonders vorteilhafte Sonderkonditionen, die wir mit Mietrad- und Carsharing-Anbietern sowie Versicherern und Ökostrom-Anbietern ausgehandelt haben. Sie sind noch kein Mitglied?

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  • Was muss ich beachten, um mein Fahrrad verkehrssicher zu machen?

    Wie ein Fahrrad verkehrstauglich auszustatten ist, legt die Straßenverkehrszulassungsordnung (StVZO) fest. Vorgesehen sind darin zwei voneinander unabhängige Bremsen, die einen sicheren Halt ermöglichen. Für Aufmerksamkeit sorgen Radler*innen mit einer helltönenden Klingel, während zwei rutschfeste und festverschraubte Pedale nicht nur für den richtigen Antrieb sorgen. Je zwei nach vorn und hinten wirkende, gelbe Rückstrahler an den Pedalen stellen nämlich darüber hinaus sicher, dass Sie auch bei eintretender Dämmerung gut gesehen werden können. Ein rotes Rücklicht erhöht zusätzlich die Sichtbarkeit nach hinten und ein weißer Frontscheinwerfer trägt dazu bei, dass Radfahrende die vor sich liegende Strecke gut erkennen. Reflektoren oder wahlweise Reflektorstreifen an den Speichen sind ebenfalls vorgeschrieben. Hinzu kommen ein weißer Reflektor vorne und ein roter Großrückstrahler hinten, die laut StVZO zwingend vorgeschrieben sind.

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  • Worauf sollte ich als Radfahrer achten?

    Menschen, die Rad fahren oder zu Fuß gehen, gehören zu den ungeschützten Verkehrsteilnehmern. Sie haben keine Knautschzone – deshalb ist es umso wichtiger, sich umsichtig im Straßenverkehr zu verhalten. Dazu gehört es, selbstbewusst als Radfahrender im Straßenverkehr aufzutreten, aber gleichzeitig defensiv zu agieren, stets vorausschauend zu fahren und mit Fehlern von anderen Verkehrsteilnehmern zu rechnen.Passen Sie Ihre Fahrweise der entsprechenden Situation an und verhalten Sie sich vorhersehbar, in dem Sie beispielsweise Ihr Abbiegen durch Handzeichen ankündigen. Halten Sie Abstand von Lkw, Lieferwagen und Kommunalfahrzeugen. Aus bestimmten Winkeln können Fahrer nicht erkennen, ob sich seitlich neben dem Lkw Radfahrende befinden. Das kann bei Abbiegemanövern zu schrecklichen Unfällen führen. Beachten Sie immer die für alle Verkehrsteilnehmer gültigen Regeln – und seien Sie nicht als Geisterfahrer auf Straßen und Radwegen unterwegs.

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  • Was ist der Unterschied zwischen Pedelecs und E-Bikes?

    Das Angebot an Elektrofahrrädern teilt sich in unterschiedliche Kategorien auf: Es gibt Pedelecs, schnelle Pedelecs und E-Bikes. Pedelecs sind Fahrräder, die durch einen Elektromotor bis 25 km/h unterstützt werden, wenn der Fahrer in die Pedale tritt. Bei Geschwindigkeiten über 25 km/h regelt der Motor runter. Das schnelle Pedelec unterstützt Fahrende beim Treten bis zu einer Geschwindigkeit von 45 km/h. Damit gilt das S-Pedelec als Kleinkraftrad und für die Benutzung sind ein Versicherungskennzeichen, eine Betriebserlaubnis und eine Fahrerlaubnis der Klasse AM sowie das Tragen eines Helms vorgeschrieben. Ein E-Bike hingegen ist ein Elektro-Mofa, das Radfahrende bis 25 km/h unterstützt, auch wenn diese nicht in die Pedale treten. Für E-Bikes gibt es keine Helmpflicht, aber Versicherungskennzeichen, Betriebserlaubnis und mindestens ein Mofa-Führerschein sind notwendig. E-Bikes spielen am Markt keine große Rolle. Dennoch wird der Begriff E-Bike oft benutzt, obwohl eigentlich Pedelecs gemeint sind – rein rechtlich gibt es große Unterschiede zwischen Pedelecs und E-Bikes.

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  • Gibt es vom ADFC empfohlene Radtouren für meine Reiseplanung?

    Wir können die Frage eindeutig bejahen, wobei wir Ihnen die Auswahl dennoch nicht leicht machen: Der ADFC-Radurlaubsplaner „Deutschland per Rad entdecken“ stellt Ihnen mehr als 165 ausgewählte Radrouten in Deutschland vor. Zusätzlich vergibt der ADFC Sterne für Radrouten. Ähnlich wie bei Hotels sind bis zu fünf Sterne für eine ausgezeichnete Qualität möglich. Durch die Sterne erkennen Sie auf einen Blick mit welcher Güte Sie bei den ADFC-Qualitätsradrouten rechnen können.

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